Zinszusatzreserve schmälert Überschussbeteiligung der konventionellen Lebensversicherungen

Geposted von Walter Feil am

Die Probleme der konventionellen Lebens- und Rentenversicherungen in Deutschland wachsen von Monat zu Monat. Jede fällig werdende Anleihe aus dem Bestand muss durch eine neue Kapitalanlage ersetzt werden, die nicht mehr das gleiche Risiko-Rendite-Verhältnis aufweist wie die aus dem Bestand herausfallende Anleihe aus früheren Zeiten.

Vor zwanzig Jahren war die Welt für die deutschen Lebens- und Rentenversicherungsunternehmen noch in Ordnung. Eine als risikolos angesehene Staatsanleihe der Bundesrepublik Deutschland mit zehnjähriger Laufzeit bot Ende 1994 einen sicheren Zinsertrag in Höhe von fast acht Prozent für die gesamte Laufzeit. Ein Jahr später, Ende 1995, lag der Zinssatz für neue 10-Jahres-Staatsanleihen bei nur noch sechs Prozent. Niemand hätte sich seinerzeit vorstellen können, dass die Zinshöhe für später ausgegebene Anleihen fortlaufend weiter fallen würde. Mitte 2014 wurde die Ein-Prozent-Grenze unterschritten (siehe rechtes Ende der folgenden Grafik).

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Über acht Prozent Zinsertrag boten zehnjährige Staatsanleihen der BRD mit Ausgabedatum Ende 1994. Heute liegt der Zinsertrag für derartige Anleihen bei unter einem Prozent. – Grafik: vwd

Damit wird die deutsche Versicherungswirtschaft von einem Problem überrollt, das sie weder selbst verursacht hat noch selbst lösen kann. Nicht die Versicherer, sondern die massiven QE-Programme der Notenbanken (QE: Quantitative Easing = Bereitstellung zusätzlicher Liquidität für die Anlagemärkte durch massiven Ankauf von Anleihen) haben die Zinserträge für Anleihen so stark nach unten getrieben. Die niedrigen Zinserträge sind nicht das Ergebnis des Wechselspiels von Angebot und Nachfrage in einer freien Wirtschaft, sondern ein mit Billigung der jeweiligen Staatsregierungen durchgeführter Eingriff der Notenbanken in die freien Märkte. Die Folgen für die Versicherer und deren Kunden sind dramatisch.

Garantiezins seit Anfang 2015 nur noch 1,25 Prozent

Der Höchstrechnungszins (im Sprachgebrauch meist „Garantiezins“ genannt) für konventionelle Lebens- und Rentenversicherungen wurde zum 1.1.2015 auf 1,25 Prozent abgesenkt. Dies folgt aus der Veränderung der Anlagemöglichkeiten, die die erzielbare Rendite für konventionell allokierte Versicherungsvermögen im Rahmen des durch Regulierungen eng geschnürten Korsetts begrenzen.

Eine Grafik in der Studie zur Überschussbeteiligung 2015, herausgegeben von ASSEKURATA, zeigt diese Entwicklung deutlich. Verträge mit Beginndatum von Juli 1994 bis Juni 2000 sind mit einem Garantiezins von 4,00 Prozent ausgestattet. Dieser Garantiezins gilt bedingungsgemäß für die gesamte Vertragsdauer.

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Der jeweils bei Abschlussdatum geltende Höchstrechnungszins wurde Versicherungskunden üblicherweise als Renditegarantie für die gesamte Vertragslaufzeit zugesagt. Auch wenn diese Renditezusage sich nur auf das nach Kosten tatsächlich angelegte Kapital bezieht, haben Versicherungsunternehmen in der jetzigen Niedrigzinsphase wachsende Probleme, diese Zusagen zu erfüllen. – Quelle: ASSEKURATA, Studie zur Überschussbeteiligung 2015, Kurzfassung.

Verträge mit späterem Beginndatum bieten dem Kunden jedoch eine geringere Rendite-Garantie. Die Absenkung erfolgte in fünf Stufen

  • auf 3,25 Prozent ab Juli 2000
  • auf 2,75 Prozent ab Januar 2004
  • auf 2,25 Prozent ab Januar 2007
  • auf 1,75 Prozent ab Januar 2012
  • auf 1,25 Prozent ab Januar 2015

Zinsgarantien für alte Verträge werden nicht mehr erwirtschaftet

Die durchschnittlichen Erträge aus den angelegten Vermögenswerten sinken seit Jahren. Im Jahresbericht des GDV (Gesamtverband der deutschen Lebensversicherer) für das Jahr 2014 beschreibt der Verband das Problem wie folgt: „Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen erreichte 2013 einen Wert von 4,68 Prozent. … Für dieses – angesichts anhaltend niedriger Marktzinsen – außerordentlich hohe Resultat ist die verstärkte Auflösung von Bewertungsreserven verantwortlich. Dies zeigt ein Vergleich mit der laufenden Durchschnittsverzinsung: sie erreichte im Jahr 2013 einen Wert von 4,01 Prozent. …“

Seit dem Jahr 2013 ist die Durchschnittsverzinsung weiter gefallen. Sie liegt jetzt unter dem Mindestsatz, den für Verträge mit Beginndatum von Juli 1994 bis Juni 2000 garantiert ist. Dies bedeutet: die Garantie-Rendite für diese Verträge wird vom Durchschnitt der Versicherungsunternehmen heute nicht mehr erwirtschaftet.

Zusätzliche Reserven für alte Verträge erforderlich

Dieses Problem ist auch der Aufsichtsbehörde bekannt. Die negative Entwicklung wurde schon frühzeitig erkannt. Schon im Jahr 2011 wurden die Versicherungsunternehmen deswegen per Gesetz dazu verpflichtet, eine Zinszusatzreserve (ZZR) als zusätzliche Deckungsrückstellung aufzubauen. Wie das Versicherungsmagazin im Juni 2015 berichtet, betrug die Zuführung zur ZZR im Jahr 2014 mit acht Milliarden Euro bereits 1,09 % der konventionellen bilanziellen Deckungsrückstellung.

Zinszusatzreserve schmälert Überschuss für die jüngeren Verträge

Die Zuführung zur ZZR stellt zusätzliche Mittel bereit, um die Verträge aus den „Hoch-Garantie-Jahren“ mit 4,00 % Garantiezins zu erfüllen. Daraus erwächst jedoch ein doppeltes Problem für die Kunden, die Verträge aus den folgenden „Niedrig-Garantie-Jahren“ mit nur noch 2,75 %, 1,75 % oder ab 2015 nur noch 1,25 % Garantieverzinsung haben. Wie das Versicherungsmagazin weiter ausführt, haben „die Versicherer in den vergangenen Jahren die ZZR teilweise durch den vorzeitigen Verkauf von hochverzinsten Anlagen finanziert.“ Diese Erläuterung wird auch durch den Hinweis im GDV-Jahresbericht 2014 (siehe oben) bestätigt, der von einer „verstärkten Auflösung von Bewertungsreserven“ spricht.

Dies bedeutet: Vermögensanlagen mit hohen Zinserträgen aus früheren Anlageperioden werden vorzeitig verkauft, um mit den Kursgewinnen hieraus die gesetzliche Auflage der Zinszusatzreserve zu erfüllen. Dies führt im Ergebnis zu einer Umverteilung der kollektiv von allen Versicherungskunden erzielen Anlageergebnisse zu Gunsten der „Hoch-Garantie-Verträge“ und zu Lasten der „Niedrig-Garantie-Verträge“. Da die Niedrigzinsphase noch einige Jahre anhalten wird, besteht für die neueren Verträge kaum eine Chance, eine deutlich über die (niedrige) Garantie hinausgehende Gesamtleistung zu erhalten

  • Bewertungsreserven werden verwendet, um für die alten Verträge eine Zinszusatzreserve aufzubauen
  • neue Vermögensanlagen werfen deutlich geringere Erträge ab als von früheren Jahren gewohnt

Wie in der ASSEKURATA-Studie zur Überschussbeteiligung 2015 ausführt, besteht in 2015 „erneuter Nachreservierungsbedarf der Bestände mit einem Höchstrechnungszins von 4,00 %und 3,50 % und erstmaliger Nachreservierungsbedarf für die Tarifgeneration 3,25 %„. Die Zinszusatzreserve aus den Bilanzjahren 2011 bis 2014 summiert sich nun branchenweit auf mehr als 20 Milliarden Euro. Zum Vergleich: das Eigenkapital liegt branchenweit bei insgesamt 13,1 Milliarden Euro.

Einzelne Versicherer benötigen besondere Unterstützung

Einzelne Versicherer liegen mit ihren Erträgen bereits knapp vor der kritischen Grenze. Dies sieht auch Felix Hufeld (Präsident der BaFin, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) so. In der diesjährigen Pressekonferenz der Behörde am 12. Mai in  Frankfurt führte er aus, dass die BaFin auch mehr Unternehmen in die aufsichtsrechtliche Manndeckung nehmen müsse, wenn die Zinsen weiter so niedrig bleiben. Derzeit besteht keine realistische Grundlage für die Erwartung, dass die Zinshöhe für die Anlageinstrumente, die von Versicherungsunternehmen typischerweise gewählt werden,  alsbald wieder anziehen werden.

Frank Grund, der neue BaFin-Chefaufseher für die Branche,  sagte am 12.10. auf der jährlichen Branchenkonferenz in Berlin: „Natürlich ist der Aufsicht bewusst, dass die Belastungen noch erheblich steigen werden – vielleicht auch zu stark.“

(siehe BaFin Pressemitteilungen – Versicherer in Manndeckung nehmen und auch Handelsblatt vom 12.10.2015 – Bund rät Versicherern zu neuen Geschäftsmodellen)

Große Versicherer stellen das Neugeschäft mit konventionellen Policen ein

Große Versicherer wie die Allianz sehen in ihrem Bestand an konventionellen Lebens- und Rentenversicherungen heute ein Problem, weil sie „gigantische Mengen von Eigenkapital verlangen“, wie Vorstandschef Oliver Bäte kürzlich der Financial Times sagte. Laut Manager Magazin vom 28.09.2015 erwägt das Unternehmen, einen großen Teil des Bestandes zu veräußern. Offen bleibt die Frage, wie ein möglicher Käufer dieses Versicherungsbestandes die Probleme, die das Niedrigzinsumfeld für die Versicherer geschaffen hat, besser lösen kann.

Ein weiterer Branchen-Riese, die ERGO, stellt als Konsequenz auf das Niedrigzinsumfeld das Neugeschäft mit den klassischen Lebensversicherungen zum Jahresende 2015 komplett ein. „Warum soll ich als Lebensversicherer Produkte anbieten, von denen ich heute schon weiß, dass sie unprofitabel sind?“ fragt ERGO-Vorstand Clemens Muth in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Schon einige Monate vorher gab die Talanx bekannt, dass sie ab 2016 für alle ihre deutschen Marken nur noch neuartige Lebens- und Rentenversicherungen ohne Garantiezins anbieten will.

Kommentar
Die deutsche Versicherungswirtschaft befindet sich mitten in einem dramatischen Umbruch. Kapitalanlagen, wie sie im engen Korsett von Regulierungen, Eigenkapitalvorschriften und Garantieverpflichtungen möglich sind, bieten dem Kunden im heutigen Niedrigzins-Umfeld keine sinnvolle Rendite mehr. Diese Webseite stellt Ihnen ein Konzept vor, den Vermögensaufbau im Rahmen einer steuerbegünstigten Versicherung so zu gestalten, wie Sie es gerne hätten. Jeder Vertrag ist anders gestaltbar, ist individuell, ist „privat“ gemäß den ganz persönlichen Vorstellungen des Versicherungskunden gestaltet. Vor allem unterliegen diese Verträge bei der Auswahl der Vermögensanlagen nicht dem einengenden Korsett von Regulierungen und Verpflichtungen, das die konventionellen Versicherungen heute vor schier unüberwindbare Probleme stellt. Wir nennen dies „Private Insuring“ als einen von mehreren Bestandteilen des privaten Vermögensaufbaus – für den langfristigen Aufbau von „Geld für später“ – und lebenslang steuerbegünstigt.