Zinszusatzreserve führt zu Zweiklassengesellschaft bei Lebensversicherungen

Geposted von Walter Feil am

1986 konnte sich noch niemand vorstellen, dass der Zinsertrag für Anleihen jemals auf einen so niedrigen Stand wie heute fallen würde. Im Gegenteil: Die Erwartungen waren bezüglich der Zinserträge so positiv, dass der Garantiezins für Lebens- und Rentenversicherungen ab Juli 1986 von drei auf dreieinhalb Prozent hochgesetzt wurde. Zum Juli 1994 folgte eine weitere Anhebung der Mindestverzinsung auf vier Prozent.

Diese jeweils für die gesamte Vertragsdauer gegebenen Ertragsgarantien führen im Zeitalter der Niedrigzinspolitik aller Notenbanken zu massiven Problemen in der gesamten Versicherungswirtschaft. Eingeengt in das enge Vorschriftenkorsett der Regulierungsbehörden, das per Saldo einen Anlagemix mit über 80 Prozent Rentenpapieren erzwingt, hat derzeit kein Versicherungsunternehmen mehr die Chance, auch nur annähernd an frühere Renditeniveaus anzuknüpfen. Und jeden Tag werden einige Millionen Anleihen aus früheren Hochzinszeiten fällig. Das zurückfließende Kapital muss nun mitten in der Niedrigzinsphase durch neue Anleihen ersetzt werden. Dies führt zu einem kontinuierlichen Abschmelzen des Renditeniveaus, wie bei einem Alpengletscher, der in der Sommersonne Tag für Tag einige Kubikmeter Masse verliert.

Mehr als die Hälfte der Vertragsguthaben
müssen mit drei bis vier Prozent Garantieertrag bedient werden

Wie der jüngste Bericht der ASSEKURATA zur Überschussbeteiligung der deutschen Versicherungen 2016 herausarbeitet, müssen über 56 Prozent der Vertragsguthaben mit einem Mindestertrag von drei bis vier Prozent bedient werden. Im Einzelnen gilt dies für folgende Vertragsguthaben:

  • 5,36 % mit Abschlussdatum bis 7/1986  mit einem Garantiezins von 3,00 %
  • 18,10 % mit Abschlussdatum 7/1986 bis 6/1994 mit einem Garantiezins von 3,50 %
  • 20,48 % mit Abschlussdatum 7/1994 bis 6/2000 mit einem Garantiezins von 4,00 %
  • 12,25 % mit Abschlussdatum 7/2000 bis 12/2003 mit einem Garantiezins von 3,25 %

Was nun, wenn der durchschnittliche Ertrag auf die Vermögensanlagen des Deckungsstocks unter diese Garantiewerte abfällt?

BaFin – Vorgaben zur Bildung einer Zinszusatzreserve
erzwingen ungleiche Verteilung der Erträge

Bereits im Jahr 2011 erzwangen die Vorschriften der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) den Beginn einer Ungleichbehandlung der Versicherungskunden. In der Fachzeitschrift „Aktuar Aktuell“ vom April 2015 stellte Felix Hufeld, Präsident der BaFin, in einem Interview fest: „Unsere Stresstests und Prognoserechnungen zeigen, dass die Lebensversicherer kurz- bis mittelfristig ihre Leistungsversprechen erfüllen können.“ Da aber die Zinsbedingungen schneller zurückgingen als die garantierten Zinsen im Bestand, seien Gegenmaßnahmen erforderlich, und zwar im Wesentlichen, so Hufeld,  „die Erhöhung der Kapitalpuffer“. Dazu verlangt die BaFin die Bildung einer Zinszusatzreserve (ZZR), die laut Hufeld Ende 2014 bereits ein Volumen von 20 Milliarden Euro erreicht hat. Damit soll die „Lücke zwischen den zugesagten Garantien und den real am Markt erzielbaren Zinsen geschlossen“ werden.

Fatale Wirkung auf jüngere Verträge mit niedrigen Garantien

Diese Zinszusatzreserve (ZZR) hat nun fatale Auswirkungen auf alle Verträge, die mit niedrigeren Zinsgarantien ausgestattet sind. Bekanntlich sanken die Garantiezusagen für die in jüngerer Zeit abgeschlossenen Verträge stufenweise auf 2,75 % (ab Januar 2004), 2,25 % (ab Januar 2007), 1,75 % (ab Januar 2012) und jüngst auf 1,25 % (ab Januar 2015). Wenn die Erträge nun nicht ausreichen, um die alten Verträge mit hohen Garantiezusagen auch langfristig zu bedienen, wird von dem Gesamtertrag als erstes einfach ein Teil weggenommen und in die  ZZR gepackt, die als zusätzlicher Kapitalpuffer für die Erfüllung der hohen Garantiezusagen der Altverträge bereitgestellt werden muss.

Der verbleibende Rest der Erträge kann dann auf alle verteilt werden. Dies führt im Ergebnis dazu, dass die Altverträge ihren Anteil am verbleibenden Ertrag erhalten plus eine Zuweisung aus der Zinszusatzreserve, die neueren Verträge mit niedrigen Garantien aber nur einen Anteil am verbleibenden Restertrag

Die Entwicklung wird sich dramatisch verschlimmern

Die Berechnungsmethodik für die ZZR lässt für die jüngeren Verträge mit niedrigen Garantien Schlimmes erahnen. Grundlage für die Berechnung ist ein Referenzzins, der gemäß dem Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) 2014 aus dem arithmetischen Mittel von Euro-Zinsswapsätzen abgeleitet wird. Das Fatale an dieser Berechnungsgrundlage ist, dass jedes Jahr ein (früherer) hoher Zinssatz aus dieser Liste herausfällt und ein niedriger Zinssatz gemäß der aktuellen Entwicklung hinzugefügt wird. Dies führte für die Jahre 2011 bis 2015 zu einer kontinuierlichen Absenkung des Referenzzinssatzes und damit folgerichtig zu immer höheren Zinszusatzreserven. Sie erinnern sich: die ZZR ist der Kapitalpuffer, um den die Erträge vorweg erst einmal gemindert werden, um die Verpflichtungen für die alten Verträge mit hohen Garantiezusagen zu erfüllen.

Zinszusatzreserve 2011 bis 2018

Quelle: Bundesregierung / EZB, veröffentlicht in „Aktuar Aktuell“, April 2015 (2011 bis 2014), eigene Berechnungen

Die folgenden Berechnungen definieren die Grundlage für die Ermittlung des Referenzzinssatzes und damit auch für die Höhe der Zinszusatzreserve. Je niedriger der Referenzzinssatz ist, um so höher ist die erforderliche Zinszusatzreserve. Die Zahlen September 2015 sind der ASSEKURATA-Dokumentation entnommen (linke Tabelle). Die Zahlen für 2016 bis 2018 beruhen auf der Annahme, dass das Anfang 2016 erreicht Zinsniveau nicht so bald eine deutliche Steigerung erfahren würde.

Diese Erwartung teilt auch Dr. Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungen (GDV), der im GDV-Newsletter vom 27.01.2016 schrieb: „Nachdem sie (die EZB) auf ihrer Sitzung Anfang Dezember bereits beschlossen hatte, das Anleihekaufprogramm noch einmal zu verlängern, weisen jüngste Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi darauf hin, dass der Lockerungskurs in naher Zukunft sogar noch einmal erhöht wird. Insgesamt ist deshalb davon auszugehen, dass die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum noch auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben werden.“

Wenn wir diese Niedrigzinsen für die nächsten drei Jahre mit angenommenen 1,0 % in die Berechnungsgrundlage für den Referenzzins einfügen, kommen wir zu einem alarmierenden Ergebnis: Der Mittelwert fällt von 2,96 auf 1,92 Prozent.

Referenzzinsatz 2015
Referenzzinssatz 2018

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um zu erkennen, dass wir dann einen Referenzzins von etwa 1,85 Prozent haben werden. Die notwendige Zinszusatzreserve zur Erfüllung der alten Garantien wird dann vermutlich bei mehr als 60 Milliarden Euro liegen. Zum Vergleich: Das Eigenkapital der deutschen Lebensversicherer lag Ende 2014 bei 13,9 Milliarden Euro.

Verträge mit geringen Garantiehöhen sind doppelt benachteiligt

Wenn diese Entwicklung eintrifft, sind die jüngeren Verträge mit einer niedrigen Garantieverzinsung doppelt benachteiligt:

  1. Die Durchschnittsverzinsung des Deckungsstocks wird ohnehin Jahr für Jahr etwas zurückgehen.
  2. Von diesen ohnehin schon reduzierten Erträgen wird Jahr für Jahr eine wachsende Summe vorab in die Zinszusatzreserve gesteckt, um die alten Verträge mit höheren Garantien zu erfüllen.

Die vorhersehbare Folge ist, dass die Versicherungswirtschaft in Deutschland nur geringe Chancen hat, den jüngeren Verträgen eine akzeptable Überschussbeteiligung zuzuweisen.

Meiden Sie das Kollektiv –
gestalten Sie Ihr Versicherungsvermögen individuell

Eine langfristig rentable Vermögensanlage wird in der deutschen Versicherungswirtschaft vor allem durch zwei Vorgaben verhindert:

  1. Jährliche Bewertung konterkariert die langfristigen Anlageziele
    Der aktuelle Wert des Deckungsstocks wird jedes Jahr zum Bilanzstichtag festgestellt und veröffentlicht. Wesentliche Wertschwankungen (nach unten) müssen mit Blick auf die gegebenen Garantien unter allen Umständen vermieden werden. Dies schließt größere Vermögensanlagen in Märkten, die langfristig rentabel sein können, kurzfristig jedoch Bewertungs-Schwankungen unterliegen, (wie zum Beispiel Aktien) aus.
  2. Kollektiv-Denken verhindert individuelle Anlagepolitik
    Dem Management des Deckungsstocks liegt die Prämisse zu Grunde, die Interessen eines großen Versicherten-Kollektivs erfüllen zu müssen. Dies schließt eine Vermögensanlage gemäß den individuellen Vorstellungen eines einzelnen Versicherungskunden definitiv aus. Mit Abschluss des konventionellen Versicherungsvertrages muss der Kunde akzeptieren, dass er auf die Zusammensetzung und Entwicklung der Vermögensanlagen für diesen Vertrag keinen Einfluss hat.

Wenn Sie kein Durchschnitts-Kunde sein wollen, sondern den Aufbau und die Zusammensetzung Ihres Vermögens für später nach Ihren eigenen Vorstellungen gestalten wollen, bietet sich als Alternative eine Fondsgebundene Versicherung an, die nach den auf dieser Webseite vorgestellten Vorgaben als „Private-Insuring-Police“ gestaltet ist. Hier entscheiden Sie selbst, wie der Vermögensmix zusammengestellt sein soll.

Wenn noch eine sehr lange Anlagezeit vor Ihnen liegt, spielen kurzfristige Wertschwankungen nicht die entscheidende Rolle. Dann kann ein mehr rendite-orientierter Anlagemix gewählt werden. Wenn die Zeit von größeren Entnahmen näher rückt, kann die Auswahl der Vermögensanlagen Schritt für Schritt auf schwankungsarm umgestellt werden.

Damit erhalten Sie eine Vermögensanlage, die Sie gemäß der Entwicklung Ihrer Finanzplanung selbst gestalten, mit allen grundsätzlichen Vorteilen einer langfristig steuerbegünstigten Versicherung, aber kostengünstiger, transparenter und flexibler als die marktüblichen „FLVs“ von der Stange. Diese Webseite stellt Ihnen die Gestaltungsmöglichkeiten vor.

Walter Feil