Manipulierte Hochrechnungen

Kaum ein Bereich der Versicherungswirtschaft wird so häufig zur Täuschung der Verbraucher genutzt wie die Prognose zur Wertentwicklung bei fondsgebundenen Lebens- und Rentenversicherungen. Die traditionelle Art, Beispielrechnungen für die langfristige Wertentwicklung der ausgewählten Vermögensanlagen zu erstellen, macht diese Täuschung einfach.

Der deutsche Kunde möchte Prognoserechnungen sehen

Die Erfinder dieser Beispielrechnungen waren sich offenbar selbst bewusst, dass die Wertentwicklung eines Investmentfonds nicht seriös vorhergesagt werden kann. Der deutsche Versicherungskunde möchte jedoch eine Prognoserechnung sehen, die ihm eine Vorstellung verschafft, wie sich sein Versicherungsvermögen über 10 … 20 … 30 … und mehr Jahre entwickeln könnte. Also liefert man diesem Kunden eine solche Hochrechnung, indem man die (nicht vorhersagbare) Wertentwicklung eines beliebigen Fonds durch eine (vom Kunden selbst definierte) Annahme ersetzt.

Beispielrechnungen liefern unsinnige Zahlenkolonnen

Die typischen Beispielrechnungen (es gibt sie schon, seit ich 1978 begann, mich mit Versicherungen zu befassen) liefern Zahlenkolonnen, die ganz genau angeben, wie hoch das Versicherungsvermögen in 10, 20 oder 30 Jahren sein wird, wenn … , ja wenn der Fonds eine Rendite von angenommenen 3 oder 6 oder 9 Prozent jährlich erreicht. In dieser Beispielrechnung stecken allerdings mehrere Irreführungen:

  1. Die Hochrechnungen basieren nur auf Annahmen
    Der Verbraucher, der die Hochrechnungen einer konventionellen Versicherung gewohnt ist, kennt auch deren Garantieversprechen. Aus den Hochrechnungen für fondsgebundene Versicherungen entsteht bei vielen Verbrauchern der Eindruck, die Entwicklung dieser Fonds sei ähnlich kalkulierbar wie die Entwicklung einer konventionellen Versicherung. Die Zahlenkolonnen sehen ja auch zu schön aus, so schön gleichmäßig, manchmal noch in übersichtliche Grafiken umgesetzt, schlüssig und überzeugend.  Die Hinweise auf deren Unverbindlichkeit mögen rechtlich einwandfrei sein. Trotzdem habe ich in meinen Gesprächen immer wieder den Eindruck gewonnen, dass viele Verbraucher diesen Hochrechnungen eine höhere Treffsicherheit zubilligen als sie tatsächlich haben können.
  2. Die Hochrechnungen blenden die Kosten aus
    Indem die Hochrechnungen von einer angenommenen Rendite ausgehen, täuschen sie über die wahren Kosten des tatsächlich eingesetzten Anlageproduktes hinweg. Man unterstellt eine Rendite von z.B. sechs Prozent und berechnet damit unter Berücksichtigung der Kosten des Versicherungsproduktes einen Wert nach 30 Jahren.  Für diese Hochrechnungen spielt es keine Rolle, mit welchen Kosten das gewählte Anlageprodukt (zum Beispiel ein Investmentfonds auf deutsche Standardwerte) befrachtet wird. Man unterstellt einfach, die Rendite sei sechs Prozent. Dieses Vorgehen kann dazu genutzt werden, dem Versicherungskunden Fonds unterzuschieben, die weit überdurchschnittliche Provisionen („Kickbacks“) vergüten und dementsprechend auch mit weit überdurchschnittlichen Kosten belastet sind. Das hat langfristig dramatische Folgen für die Wertentwicklung des Fonds und damit für die Wertentwicklung des mit diesem Fonds bestückten Versicherungsvertrags.

Nehmen wir an, der Kunde möchte einen Teil seines Versicherungsvermögens im Aktienmarkt, und hier in deutschen Standardwerten anlegen. Er hat dazu folgende Möglichkeiten:

  • die 30 Aktien des DAX könnte er theoretisch einzeln kaufen.  
    Dies ist im Rahmen einer steuerbegünstigten fondsgebundenen Versicherung nicht möglich.
  • er kauft einen ETF, der die Wertentwicklung des DAX abbildet.
    Das ist technisch einfach abzubilden. Die TER (Total Expense Ratio = Gesamtkostenquote) eines solchen ETF liegt bei etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. Das ist für den Versicherungskunden günstig.
  • er kauft einen aktiv verwalteten Fonds, der sich auf deutsche Standardwerte fokussiert, aber nicht in der gleichen Zusammensetzung wie im Index.
    Die Gesamtkostenquote solcher Fonds liegt bei etwa 0,75 bis 1,50 Prozent, sofern die Tranche für institutionelle Anleger gewählt wird. Nur: diese sogenannte Insti-Tranche wird der Kunde für seine fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherung nicht erhalten. Sie steht, wie bereits ausgeführt, einfach nicht auf der Auswahlliste. Warum? Sie zahlt keine Kickbacks. Stattdessen werden marktüblich stets nur Fonds zur Auswahl gestellt, die neben den unvermeidbaren Kosten für das Fondsmanagement auch noch Kickbacks für den Vermittler belastet sind. Dies ist in der Regel eine Bank oder Sparkasse oder ein freier Anlageberater – oder eben die Versicherungsgesellschaft, die diese Fondsanteile gemäß der Auswahl ihrer Versicherungskunden kauft. Diese Kickbacks erhöhen die Gesamtkostenquote des Fonds marktüblich um etwa 0,5 bis 0,9 Prozent.

Der Rendite-Motor für alle benannten Varianten ist die Wertentwicklung der deutschen Standardwerte. Ein aus den Einzelwerten zusammengestelltes Portfolio, das der Zusammensetzung des DAX entspricht, mag nun über einen längeren Zeitraum die (angenommene) Rendite von 6,00 % erwirtschaften. Ein marktüblicher ETF auf den DAX wird mit einer TER (Gesamtkostenquote) von 0,10 bis 0,20 Prozent belastet, ein aktiv verwalteter Aktienfonds in der Insti-Tranche etwa mit 1,0 Prozent, der gleiche Fonds in der Retail-Tranche etwa mit 1,5 bis 1,75 Prozent. Die Hochrechnungen basieren jedoch in beiden Fällen auf der Annahme, dass die Rendite des gewählten Portfolios bei den (vom Kunden angenommenen) 6,00 Prozent liegt.

Wie man über Hochrechnungen die Kosten verschleiert

Diese unsinnige, auf Annahmen basierende Darstellung von Hochrechnungen öffnet die Tür für eine täuschende und irreführende Darstellung der wahren Kosten eines Versicherungstarifs. Ein Versicherungsunternehmen kann bei dieser Konstellation damit werben, dass es ganz besonders niedrige Kosten hat. Das stimmt vermutlich auch. Doch die tatsächlichen Kosten werden mit diesem Verfahren vom Versicherungsvertrag weg in das Anlageprodukt hinein verlagert. Die marktübliche Hochrechnung geht in allen Fällen von der Annahme aus, dass das Anlageprodukt – wie der Kunde es berechnet haben wollte – sechs Prozent Rendite erwirtschaftet. Die tatsächlichen Kosten des Versicherungsproduktes werden damit vom Kunden unbemerkt über ein unnötig teures Anlageprodukt finanziert. Die Kickbacks aus dem Anlageprodukt fließen an das Versicherungsunternehmen und werden dort zur Deckung der eigenen Kosten und für die laufenden Zahlungen an den Vertrieb verwendet.

Fatale Neigung zu einer manipulierten Fondsauswahl

Neben der Verheimlichung von Kosten führt diese weitverbreitete Konstellation noch zu einem weiteren Nachteil für den Kunden. Da das Versicherungsunternehmen (VU) seine Kosten hauptsächlich aus den Kickbacks der vom Kunden gewählten Anlageprodukte finanziert, setzt das VU nur solche Anlageprodukte auf die Auswahlliste, die hohe Kickbacks bezahlen. Dies ist aus Kundensicht jedoch das falsche Kriterium. Die Liste sollte nicht aus den Anlageprodukten mit den höchsten Kickbacks bestehen, sondern eine Auswahl von Investmentmöglichkeiten bieten, mit denen der Kunde seine Vorstellung eines sinnvollen Portfolios umsetzen kann. Hier spielen ETFs wegen ihrer günstigen Kosten eine große Rolle.

Änderungen vom Gesetzgeber erzwungen

Seit 1.1.2015 müssen die Versicherer in den Musterberechnungen die „Reduction in Yield“ (RIY) ausweisen. Damit soll angegeben werden, um wie viel Prozentpunkte die angenommene Rendite des Versicherungstarifs durch sämtliche mit diesem Vertrag verbundenen Kosten reduziert wird. Zahlreiche Versicherer haben ihre Beispielrechnungen seitdem verändert. Da das Verfahren, wie die Kosten zu ermitteln sind, aber nicht ganz genau festgelegt ist, haben die Anbieter immer noch große Spielräume.

Besonders nachdenklich stimmen Beispielrechnungen, die bei einer unterstellten Rendite von Null Prozent aus den Vermögensanlagen am Ende der Vertragsdauer – trotz unvermeidlicher Kosten des Versicherungsvertrags – eine über die Beitragssumme hinausgehende Auszahlung darstellen. … es liegt noch ein gewisser Weg vor uns, bis solche Darstellungen wirklich korrekt und transparent sind.